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EINE KRITIK VON UNSEREM KONZERT IN DER DARMSTÄDTER STADTKIRCHE IM RAHMEN UNSERER WEIHNACHTSREISE 2014. QUELLE:DARMSTÄDTER ECHO AUTOR:ALBRECHT SCHMIDT

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Im dritten Konzert der „Cantate“-Reihe war am Sonntagabend in der Darmstädter Stadtkirche das Gesangsquartett „Ensemble de Morales“ zu Gast und gab einen faszinierenden Einblick in geistliche Musik des 15. und 16. Jahrhunderts.

DARMSTADT.

Die Wurzeln der 2008 gegründeten Gesangsformation „Ensemble de Morales“ liegen in der musikalischen Ausbildung im Leipziger Thomanerchor: Vier Sänger machen es sich zur Aufgabe, vorrangig geistliche Musik der Renaissance bis zum Frühbarock möglichst gemäß einer historischen Aufführungspraxis zu singen. Namensgeber des Ensembles ist der spanische Komponist Cristobal de Morales (1500–1553), der außer seiner Kapellmeistertätigkeit in Andalusien auch über zehn Jahre als Tenorist im päpstlichen Chor in Rom angestellt war. In ihrem einstündigen Konzert in der Darmstädter Stadtkirche stellten die vier Sänger homophone Choralsätze von Johann Hermann Schein, einem der Vorläufer Bachs im Amt des Leipziger Thomaskantors, Motetten der flämischen Vokalpolyphonie (Ockeghem, Brumel) und einem Werk ihres Namenspatrons Morales gegenüber.

Das „Ensemble de Morales“ verleiht dieser Musik eine selten gehörte Unmittelbarkeit und füllt die höchst kunstvoll gestalteten Melodien mit blühendem Leben. Die Gesangsstimmen scheinen aus längst vergangenen Zeiten in die Gegenwart aufzusteigen und die Distanz von über 500 Jahren vergessen zu machen. Man staunt, wie die glockenreinen Töne Stefan Kahles (Discant) und Nikolaus Karlsons (Altus) mit Falsettfertigkeit und klarer Tongebung aus männlichen Kehlen in Szene gesetzt werden. Ideal harmonieren hierzu Mathias Monrad Møllers feiner Tenor und Friedrich Weißbachs Bass, den man sich in der Tiefe gelegentlich etwas profunder wünscht. Wie aus dem Äther gepflückt, kristallklar, völlig vibratolos schwebt Stefan Kahles Discant über Scheins Chorsätzen, denen das Quartett in den Strophenliedern durch eine farbig differenzierte Dynamikgestaltung großen Variantenreichtum abgewinnt. Stets ist das Quartett auf einen leichten, durchhörbaren Klang mit vorbildlicher Pianokultur bedacht: deutliche Artikulation und klare Konturen der sorgfältig abschattierten Stimmen kennzeichnen selbst leiseste Passagen.

Bei den imitatorisch dicht verästelten motettischen Werken aus der Zeit der franko-flämischen Vokalpolyphonie des 15. Jahrhunderts (Johannes Ockeghems „Salve regina“, „Ave Maria“ und „Alma Redemptoris Mater“ sowie Antoine Brumels „Magnificat“ als ausgedehntes, anspruchsvolles Schluss-Tableau des Konzerts) legen die Vokalisten die Strukturen der Musik messerscharf offen und geben ein Muster an schlüssiger Aufführungspraxis: individuell, ausdrucksintensiv und klangsensibel, ohne in gelehrsames Sektieren oder romantisches Pathos zu verfallen. Vor allem bei „Sancta Maria sucurre miseris“ von Cristobal de Morales faszinieren Stefan Kahles Höhensicherheit und seine Modellierungskunst sowie die ausgeglichenen, geradlinigen Legatobögen und die Beweglichkeit der vier in dichter Polyphonie ineinander verschlungenen Stimmen, die ihre musikalischen Schätze, aus Archiven und Musikbibliotheken geborgen, zum Leuchten bringen. Da hätte man nach den zugegebenen Bach-Chorälen, wie ein kleines Wunder an Schwerelosigkeit herbeigezaubert, noch stundenlang zuhören mögen.

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